
Für den fairen Handel – Vorsicht beim Billigfummel! –
Lemgo (VaSt.) Seit gut zwei Jahren haben wir eine so genannte „Fairtrade-Town“. Im August 2015 bekam die Stadt das Zertifikat von der „Kampagne Fairtrade Towns“ zugesprochen, Ende letzten Jahres wurde es für weitere zwei Jahre verlängert. In der Zwischenzeit ist auch der Kreis Lippe ein Fairtrade Kreis geworden, die Stadt Detmold wurde ebenfalls als Fairtrade – Town zertifiziert. Die Karla Raveh Realschule wurde kürzlich als „Fairtrade School“ ausgezeichnet. Jede Menge Fairtrade. Doch was soll das überhaupt?Kurz umschrieben hat man sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen von Produzenten – gemeint sind Familien und kleinbäuerliche Kooperativen in Asien, Afrika und Lateinamerika – zu verbessern und Ihnen feste Absatzmärkte mit angemessenen Mindestpreisen zu verschaffen und damit nachhaltigen und fairen Handel zu fördern. Wie katastrophal die Bedingungen in der Textilindustrie in Asien teilweise sind, weiß die breite Öffentlichkeit nicht erst seit den präsenten Bildern eines Fabrikeinsturzes in Bangladesch. Im Jahr 2013 ließen dort mehr als 1.000 Menschen ihr Leben. Dass keiner dieser Arbeiter, meist Frauen, mehr als 150 Euro im Monat für seine Tätigkeit erhält, ist ein weiterer Punkt der zeigt, dass wenn Dinge ganz billig gekauft werden, oft eine andere Person einen deutlich höheren Preis zahlen muss. Dass dies aber nicht nur für die ganz preiswerten Sachen gilt, zeigt die Tatsache, dass in den gezeigten Gebäuden nicht nur für KiK, sondern auch für Benneton produziert wurde.Um Fairtrade Town zu werden, muss die Stadt fünf Kriterien erfüllen. Normalerweise ist der erste Schritt ein Ratsbeschluss, der vorsieht, dass die Stadt überhaupt eine „Fairtrade Town“ werden soll. In Lemgo ging alles zunächst den entgegengesetzten Weg, so der Sprecher der Initiative, Rainert Kluckhuhn. Der Rat scheute den Beschluss, da keine Mittel zur Verfügung standen um eine Steuerungsgruppe für die Initiative zu gründen. Kurzerhand entschlossen sich engagierte Bürger um Kluckhuhn, die Sache selber in die Hand und damit die Arbeit der Steuerungsgruppe zu übernehmen. So traf die Gruppe die notwendigen Maßnahmen und trat anschließend noch einmal an die Offiziellen der Stadt heran. Man bekam, nach der geleisteten Vorarbeit, auch die Unterstützung von Rat und Bürgermeister.

„Man kann schon sagen, dass die Unterstützung der Stadt beispielsweise in Lage intensiver war, als es in Lemgo anfangs der Fall war. Mittlerweile hat sich das aber geändert“, so Rainer Kluckhuhn. Seit sich Lemgo zu den Fairtrade Towns zählt hat sich einiges getan. Es gibt sechzehn Einzelhändler, Blumenläden und Discounter, die fair gehandelte Produkte anbieten. In vierzehn Gastronomiebetrieben gibt es faire Getränke, darunter auch Kantinen von Schulen, öffentlichen Einrichtungen und Kirchengemeinden. Bei Ratssitzungen wird fair gehandelter Tee, Kaffee und Orangensaft ausgeschenkt. „Die Bedingungen, um Fairtrade Stadt zu sein haben wir in Lemgo sogar mehr als erfüllt“, weiß Rainer Kluckhuhn zu berichten. Die Initiative stellt auf ihrer Internetseite einen Fairtradeführer für Lemgo zur Verfügung, in dem man die Betriebe finden kann, die fair gehandelte Produkte führen. Ferner sorgt die Steuerungsgruppe mit Informationsveranstaltungen und Aktionen dafür, dass das Thema weiter in der Öffentlichkeit präsent ist und auch bleibt.
Es gab kürzlich eine Aktion bei der Eröffnung der KIK Filiale an der alten Post in Lemgo. Dort protestierten die Aktivisten für die Offenlegung der Lieferketten des Unternehmens. Eine Reaktion des Unternehmens hat die Gruppe vor einigen Tagen erhalten. „KiK zeigte sich pikiert. Wie wir mit dem Schreiben umgehen, wird in Kürze besprochen“, so Sprecher Kluckhuhn. Passend dazu wird der Themenschwerpunkt in diesem Jahr überhaupt die Textilbranche sein. Der scheinbare Widerspruch, gegen ein Unternehmen wie KiK zu protestieren, während Unternehmen wie Lidl und Aldi, deren soziales Gewissen immer wieder im Zweifel stehen, mit ins Boot geholt werden, versteht Kluckhuhn durchaus. „Es ist schon so, dass man ein bisschen Bauchschmerzen hat. Es gibt zwei grundsätzliche Haltungen in der Bewegung. Einerseits ist es für die Produzenten gut, wenn möglichst viele ihrer Fairtrade Sachen bei uns verkauft werden und die Hersteller dadurch die existenzsichernden Löhne und Prämien bekommen. Andererseits ist es so, dass das Fairtrade Siegel manchmal wie ein Feigenblatt genutzt wird, um ein schlechtes Image zu überdecken und abzulenken.“ Sinn ergeben beide Ansätze. Die Beteiligung der Discounter sorgt zumindest dafür, dass auch Personen, die es sich nicht leisten können im Weltladen einzukaufen, Zugriff auf fair gehandelte Produkte haben.
„Ich möchte dazu aufrufen, dass diejenigen, die es finanziell können, darauf achten, dass die ´zu kaufenden Produkte auch fair hergestellt wurden. Ich persönlich glaube auch, dass durch gerechten Handel Fluchtursachen vermindert werden. Es gibt viele Menschen die flüchten, weil sie in ihrem Land keine Perspektive mehr sehen, weil sie unter so schlechten Bedingungen produzieren, dass sie ihre Kinder nicht mal zur Schule schicken und richtig ernähren können. Diese Menschen haben nur noch die Möglichkeit sich irgendwo anders für ihre Kinder ein besseres Leben zu suchen“, so Kluckhuhn.
(Wer sich selber in die Initiative einbringen möchte, kann am Donnerstag, den 22.02. 2018 um 18:30 Uhr im Kastanienhaus am Wall am nächsten Treffen der Initiativgruppe „Fairer Handel“ teilnehmen.)
Für den Titel Fairtrade-Town muss eine Kommune nachweislich fünf Kriterien erfüllen, die das Engagement für den fairen Handel in allen Ebenen einer Kommune widerspiegeln.
1. Ratsbeschluss
Die Kommune verabschiedet einen Ratsbeschluss zur Unterstützung des fairen Handels. Bei allen öffentlichen Sitzungen sowie im Büro des Ober-/Bürgermeisters wird fair gehandelter Kaffee und ein weiteres Produkt ausgeschenkt.
2. Steuerungsgruppe
Eine lokale Steuerungsgruppe wird gebildet, die auf dem Weg zur Fairtrade-Town die Aktivitäten vor Ort koordiniert. Diese Gruppe besteht aus mindestens drei Personen aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft.
3. Fairtrade-Produkte im Sortiment
In den lokalen Einzelhandelsgeschäften und bei Floristen sowie in Cafés und Restaurants werden mindestens zwei Produkte aus fairem Handel angeboten. Richtwert ist hier die Einwohnerzahl der Kommune.
4. Zivilgesellschaft
Produkte aus fairem Handel werden in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen verwendet. Darüber hinaus werden Bildungsaktivitäten zum Thema fairer Handel umgesetzt, oft im Rahmen weiterer Kampagnen von TransFair z. B. der Kampagne
5. Medien
Die örtlichen Medien berichten über alle Aktivitäten auf dem Weg zum Fairtrade-Town.

