Angst vor der Strahlung

Ukraine-Krieg sorgt für erhöhte Nachfrage an Jodtabletten

Der Krieg in der Ukraine und die Angst, dass es dort zu nuklearen Zwischenfällen kommen kann, sorgt derzeit für eine erhöhte Nachfrage nach Jod-Tabletten in den Apotheken auch in Lippe. „Seit einigen Tagen kommen immer wieder besorgte Patienten in die Apotheken, die sich mit Jod-Tabletten bevorraten wollen“, erklärt Apothekerin Kathrin Bauerrichter, Sprecherin der Apothekerschaft im Altkreis Lemgo. „Ich rate jedoch dringend davon ab, sich durch eine selbstständige Einnahme der Tabletten vor einer vermeintlichen Belastung mit radioaktivem Jod zu schützen.“ Apotheken können sich dazu keinen Vorrat anlegen und sich nicht auf eine eventuelle Situation vorbereiten. „Die benötigten Tabletten müssen hochdosiert sein. Solche bekommt man in keiner Apotheke. Der Bevölkerungschutz hat sie vorrätig“.

Wann macht die Einnahme Sinn?

Aus einem Kernkraftwerk kann durch einen Unfall oder einen Angriff radioaktives Jod austreten. Dieses würde – genau wie das Jod, das über Lebensmittel aufgenommen wird – in der Schilddrüse gespeichert. Schilddrüsenkrebs kann unter anderen die Folge sein. Um in einem solchen Fall die Aufnahme von radioaktivem Jod zu blockieren, reicht im Regelfall eine einmalige Einnahme von Kaliumjodid als Notfallmedikament („Jodblockade“). Erwachsene über 45 Jahren sollten grundsätzlich keine hochdosierten Jodtabletten einnehmen, denn diese erhöhen das Risiko für schwerwiegende Schilddrüsenerkrankungen. Kathrin Bauerrichter weiß: „Mögliche Nebenwirkungen würden den Nutzen überwiegen. Soweit ich weiß, gibt es auch keine alternativen Medikamente, um sich zu schützen“.

Jod-Tabletten aus der Apotheke sind nicht für einen atomaren Unfall geeignet.

Wer gibt Tabletten aus?

Die Katastrophenschutzbehörden in Deutschland haben 189,5 Millionen hochdosierte Kalium-
iodid-Tabletten (Jod-Tabletten) eingelagert, um diese bei Bedarf an die Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern um den Unfall-Reaktor auszugeben. Wichtig: „Eingenommen werden sollten die Tabletten ausschließlich nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Behörden“, betont die Apothekerin. Nicht verwechseln sollte man diese hochdosierten Jod-Tabletten mit denen, die manche Patienten regelmäßig zur Jodsubstitution einnehmen müssen, denn „die wären im Falle einer Freisetzung radioaktiven Jods um das 100- bis 1000-Fache unterdosiert“.

Kein Allheilmittel

Eines müsse der Bevölkerung allerdings klar sein, wie Bauerrichter betont: „Sollten andere radioaktive Stoffe wie Caesium, Strontium oder Plutonium freigesetzt werden, helfen Jodtabletten nicht“.

Aufgrund der Entfernung zur Ukraine ist aber nicht damit zu rechnen, dass eine Einnahme von Jodtabletten notwendig werden könnte. Der Pressesprecher des Kreises Lippe – Steffen Adams: „Die Sicherheitslage bei uns ist unverändert. Für den Notfall stehen für Lippe 1,5 Millionen Tabletten zur Verfügung. Diese werden vom Bund erst bei konkreter Gefahr angeordnet. Die Bevölkerung wird rechtzeitig informiert, die Verteilung wird organisiert und es werden Stellen zur Abholung benannt“. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als zuständige Bundesbehörden für die Überwachung der Umweltradioaktivität beobachten die Situation in der Ukraine aufmerksam.

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