Zu den im aktuellen SPIEGEL erhobenen Vorwürfen gegen die HSG Blomberg-Lippe nimmt der Verein auf diesem Wege Stellung und betont, dass Verantwortliche des Vereins dem SPIEGEL ausführliche Stellungnahmen haben zukommen lassen, die aber nur in sehr geringem Umfang und bruchstückhaft in der Berichterstattung wiederzufinden sind. Bei aller notwendigen Selbstkritik, an der kein Zweifel besteht, weist der Verein die Vorwürfe als nicht fair und zum Teil als vollkommen überzogen zurück. Insbesondere verwahrte sich die HSG gegen Vorwürfe, die psychische Situation der Spielerinnen sei den Verantwortlichen gleichgültig: „Wir haben nach den Vorwürfen gegen André Fuhr zielführende Konsequenzen gezogen und Maßnahmen eingeleitet, die auch positive Wirkung entfalten werden“, erklärt Geschäftsführer Torben Kietsch.

Auch HSG-Coach Steffen Birkner steht im Artikel des Spiegels in der Kritik.

Die HSG wird nicht auf Details zu Gesprächen mit Spielerinnen eingehen – aus Gründen der Diskretion und auch, weil sie offenkundig schon Jahre zurückliegen und vieles vielen sicher nicht mehr präsent ist.

Zu den Vorwürfen im Einzelnen

Vorwurf: Psychische Verfassung sei dem Verein gleichgültig

Hierzu haben wir dem SPIEGEL folgendes mitgeteilt:

Die psychische Verfassung der Spielerinnen, noch die von anderen Mitarbeitenden, war und ist den Verantwortlichen bei der HSG natürlich nicht gleichgültig. „Ganz im Gegenteil! Es tut mir deshalb leid, wenn eine oder gar mehrere Spielerinnen das so empfunden haben sollten. […] Ich bedauere sehr, wenn Depressionen auf den Druck bei der HSG zurückzuführen sein könnten. Bis ich davon durch die Äußerungen von Anja Ernsberger erfuhr, war mir dieses völlig unbekannt. Ob Sie es uns und mir abnehmen oder nicht, weiß ich nicht. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass Ihre Berichterstattung nicht nur zu verschiedenen Maßnahmen, sondern auch zu einer anderen Art der Sensibilität geführt haben“, so Torben Kietsch gegenüber dem SPIEGEL. Bei den kontinuierlichen Treffen („HSG-Zirkel“) mit Steffen Birkner, Dirk Beuchler, Daniel Paier (Geschäftsführer des Physiotherapie-Kooperationspartners Columna), Physiotherapeutin Christin Schürmann sowie Jessica Bregazzi und Torben Kietsch wurde über Trainingsmethoden und Belastungsteuerung ausgiebig diskutiert. Dabei sprachen wir u.a. über verschiedene Spielerinnen, bei denen es ggf. ratsam wäre, eine zeitweise oder gar kontinuierliche Betreuung durch einen Mentaltrainer aufgrund von verletzungsbedingten bzw. privaten Sorgen, ggf. auch bezogen auf den Umgang mit Drucksituationen, unsererseits anzustoßen. Dies möglicherweise unter Einbezug des Beraters oder auch der Prüfung, ob bei der jeweiligen Spielerin eventuell auch eine Unterstützung durch den DHB oder Landesverband greifen könnte.

Mit Blick auf die jüngere Vergangenheit haben wir vor wenigen Wochen mit der Bundesligamannschaft, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ein Seminar zum Thema Stressbewältigung durchgeführt. Ähnliche Seminare, Workshops und weitere Angebote sollen in der zukünftigen Trainingsarbeit noch mehr Gewichtung erhalten.

Vorwurf: Spielerinnen bekämen unsägliche Ernährungsempfehlungen

Hierzu haben wir dem SPIEGEL folgendes mitgeteilt: 

Im Rahmen der kontinuierlich erfolgenden Leistungsdiagnostik (z.B. mit den Sportwissenschaftler der Uni Paderborn) erhalten wir einige Daten, durch die individuelle Trainingsempfehlungen und -pläne abgeleitet werden können. Auch ist die stetige Rücksprache, insbesondere mit dem Physiotherapeuten sowie Mannschaftsärzten, wichtig.

Ernährungsempfehlungen werden gezielt oder auf Anfrage, vor allem in der Saisonvorbereitung, aber auch während der laufenden Spielzeit, an die gesamte Mannschaft gegeben. Dabei geht es nicht ausschließlich um Gewichtsabnahme, sondern vielmehr um eine leistungssportgerechte Zufuhr von beispielsweise wichtigen Nährstoffen. Bei einer Spielerin, die tendenziell eher etwas an Muskelmasse zunehmen sollte, um z.B. auch die Verletzungsgefahr zu minimieren, sieht eine Ernährungsempfehlung selbstredend anders aus, als bei einer Spielerin, bei der ist ratsam ist, etwas an Gewicht zu verlieren. Bei wöchentlich rund 8 Trainingseinheiten – bestehend aus Krafttraining und Handballsport – plus Spiel, ist ein hinreichendes Fitnesslevel erforderlich, dass nicht nur, aber auch, mit dem Gewicht einer Profisportlerin zusammenhängt. Es geht also nicht ausschließlich um die bloße Gewichtsabnahme. Vielmehr spielen weitere Parameter wie beispielsweise Muskelmasse und Körperfett, eine Rolle. Dies ist Usus im Leistungssport. Egal, welches Ziel ausgegeben wird: Entsprechende Vorgaben müssen realistisch sein.

Hinweise zu einer gesunden Ernährung und entsprechende Empfehlungen gehörten und gehören hier dazu und sind im Leistungssport selbstverständlich. Sicherlich suchen Spielerinnen gelegentlich auch den Rat unserer Torhüterin Melanie Veith die selbst auch studierte Ernährungswissenschaftlerin ist. Generell ist die Gewichtskontrolle in Frauen-Mannschaften ein sensibles Thema, das entsprechend behandelt werden muss, aber es muss im Profisport auf Bundesliganiveau eine Rolle spielen.

Während Zeiten von Verletzungen bzw. nach der Verletzungspause erhält jede Spielerin einen individuellen Plan. Auch hier ist die Rücksprache mit den behandelnden Mannschaftsärzten und Physiotherapeuten sehr wichtig und hilfreich, um die gesonderte Wiedereingliederung in das Teamtraining realisieren zu können. Vollumfängliches Mannschaftstraining ist generell erst nach Freigabe durch den Arzt möglich.

Ziel ist immer, mit der nötigen Geduld die volle Leistungsfähigkeit herzustellen, zum Wohle des Teamerfolgs und natürlich der einzelnen Sportlerin. Dafür werden von Fall zu Fall auch Belastungstest durchgeführt, die zum Teil standardisiert von der Berufsgenossenschaft vorgegeben sind.

Vorwurf: Umgangston gegenüber der Mannschaft

Hierzu haben wir dem SPIEGEL folgendes mitgeteilt: 

„Wenn Spielerinnen den von mir angeschlagenen Umgangston nicht immer als angebracht empfanden, tut mir das leid. Generell ist im Sport die Wortwahl sicher oft gröber als im normalen Alltagsgeschehen, häufig nicht druckreif. Es geht aber nie um persönliche Beleidigungen, sondern geschieht im Eifer des Gefechts und der Emotion. Und Homophobie liegt mir fern. Wenn Spielerinnen mit dem Umgangston allerdings ein Problem haben, können sie das jederzeit äußern. So wurde bereits in der Vergangenheit auf entsprechende Hinweise reagiert und die Wortwahl angepasst“, so Trainer Steffen Birkner.

Mit der Wortwahl bzw. generell der Kommunikation soll und darf natürlich keine Angst gefördert werden. Vielmehr soll die Benennung von Fehlern in erster Linie als Hilfe dienen. Es dürfen Fehler geschehen, ja es müssen Fehler geschehen, um voranzukommen. Und Fehler passieren aus vielen Gründen und führen in letzter Konsequenz auch mitunter zu Emotionen auf der Bank oder gar personellen Veränderungen auf dem Spielfeld. Fluchen oder Beleidigungen sind dabei nicht vornehm, passieren aber leider.

Schaut man auf die aktuelle Saison, sieht man, dass auch Spielerinnen wie die sehr jungen Nieke Kühne und Mia Ziercke viel Verantwortung übernehmen dürfen und müssen. Auch in der Vergangenheit haben Spielerinnen wie Marie Michalczik, Nele Franz und Laetitia Quist viel Spielzeit erhalten und wurden bereits in jungen Jahren im HSG-Trikot Torschützen-Königin oder HBF-Spielerin der Saison. Berufungen in die A-Nationalmannschaft folgten ebenso. Die derzeitige Mannschaft inkludiert sehr junge Spielerinnen, die sogar noch in der A-Jugend spielen dürfen, aber auch Spielerinnen Anfang und Ende 20 Jahre. Lisa Rajes ist mit 32 Jahre die älteste Spielerin. Mannschaft und Trainerteam kommen hervorragend miteinander aus, was sich auch im bisherigen Saisonverlauf widerspiegelt. Und auch die bereits verkündeten und in Kürze noch zu erwartenden Vertragsverlängerungen lassen darauf schließen, dass die Chemie bei uns stimmt! Mit unserem Spielstil machen wir bundesweit viel Freude.

Dieser besagte Spielstil ist sehr von Athletik und Tempospiel geprägt und in Handball-Deutschland be- und anerkannt. Für diesen Spielstil benötigt es ein intensives Training. Jede Spielerin, die einen Vertrag bei der HSG unterschreibt, weiß um die Intensität in der Trainingsarbeit. Dabei muss natürlich im Fokus bleiben, dass die Trainingsinhalte sportphysiologisch zielgerichtet und leistbar sind. Kritik des Trainers sollte immer als Korrektur und Hilfe für die bessere Leistungsentwicklung verstanden werden und wird von den Spielerinnen subjektiv wahrgenommen und bewertet. Mit Blick auf das Mannschaftsgefüge und Kritik an der Trainingsarbeit muss man deshalb immer das Große und Ganze sehen. Gleiche Belastungen wurden und werden individuell wahrgenommen. Was für die eine Spielerin recht „leicht von der Hand geht“ und gewohnt ist, ist für eine andere Spielerin hoch-intensiv. Trotz der intensiven Trainingsarbeit sollte die Freude am Sport nicht zu kurz kommen.

Generell wird auf Feedback aus der Mannschaft gehört, woraus auch schon Veränderungsprozesse initiiert wurden und auch zukünftig werden. Es wird Raum für Feedback geschaffen, sei es in Einzel- oder Gruppengesprächen – in Beisein oder Abwesenheit von mir als Trainer. Der Mannschaftsverantwortliche Oliver Lippert und Torwarttrainer Ronny Krüger haben z.B. auch ein offenes Ohr für die Belange der Spielerinnen. Sie sind in Trainingsarbeit und bei den Spielen kontinuierlich involviert und nahe dran am Geschehen – und das seit Jahren. Ein zusätzlicher Ansprechpartner besteht seit 2019 zudem mit dem sportlichen Berater Dirk Beuchler. Auch bei Torben Kietsch steht die Tür bei Gesprächsbedarf offen.

Zusätzliche Anmerkung

Auch wenn im emotionalen Umfeld des Sports mitunter „rauer“ gesprochen wird, als das im Alltag der Fall ist, muss immer das Ziel sein, dass Form und Fassung mit Blick auf wichtige Werte wie Teamwork, Fairplay, Sozialkompetenz, Verlässlichkeit und Leistungsbereitschaft bestmöglich gewahrt werden. Die HSG Blomberg-Lippe ist ein weltoffener Verein, der sich seiner sozialen Verantwortung bewusst ist, der Handball „von den Minis bis zur Bundesliga“ anbietet, der sowohl Breiten- als auch Leistungssport anbietet und für seine Nachwuchsarbeit mehrfach mit den höchsten Preisen ausgezeichnet worden ist.

Über die letzten Jahre hinweg und vor allem auch in den letzten Monaten haben wir die Betreuung der Sportlerinnen konzeptionell nach vorne gebracht. So haben wir z.B. mit dem Projekt „Mentaltalent“ im Kontext der HSG-Akademie kooperiert und mit dem „SOS-Kinderdorf Lippe, Beratung und Treffpunkt Blomberg“ den Kontakt gesucht, um den in der HSG aktiven Sportlerinnen und Sportlern konkrete Unterstützung in Fällen von physischer, psychischer und sexueller Gewalt anbieten zu können. Im Rahmen dieser Partnerschaft werden zeitnah diverse gemeinsame Aktivitäten angeboten werden, so zum Beispiel auch die Einrichtung einer unabhängigen, zur Verschwiegenheit verpflichteten Anlaufstelle. Zusätzlich hat die HSG gemeinsam mit einer Mentaltrainerin bereits ein erstes Seminar durchgeführt, in Kürze folgt ein weiteres, das sich mit der Thematik der psychischen Gewalt beschäftigt. Es soll unter anderem Trainerinnen und Trainern im Leistungssportbereich Hilfestellungen liefern, etwa um gegebenenfalls notwendige Veränderungen im eigenen Handeln herbeizuführen.