Wiedereröffnung problematischer als die Lockdown-Phasen

NRW-Großvereine: Positionspapier zur Corona-Situation – Auch der TV Lemgo hat sich daran beteiligt

Sehr problematisch in der Coronapandemie ist die Situation für die NRW-Großvereine. Zu den Großvereinen zählt auch der TV Lemgo, der ca. 3000 Mitglieder zählt. Um auf die Probleme aufmerksam zu machen haben 32 NRW-Großvereine nun ein Positionspapier herausgeben, um die besondere Situation und die speziellen Herausforderungen von Großsportvereinen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Auch der TV Lemgo hat sich daran beteiligt. Das Papier ist bisher bereits überregional auf großes Interesse gestoßen. Nachfolgend Auszüge aus dem Papier:

Zurzeit mehr oder weniger verwaist, das TeVita Fitnessstudio des TV Lemgo.

Herausragende Leistungen – besondere Herausforderungen

Großvereine sind Innovationsführer und Motor im Sport und übernehmen in besonderem Maße soziale Verantwortung vor Ort. Wir sind uns unserer Vorbildfunktion bewusst und freuen uns, wenn wir dadurch auch wertvolle Impulse für andere/ kleinere Sportvereine geben können. Durch unsere ehrenamtlichen und hauptamtlichen Strukturen sowie vereinseigenen Sportanlagen können wir flexibel(er) und schneller auf Trends und gesellschaftliche Entwicklungen reagieren und begeistern die Menschen nach wie vor und immer mehr (vor der Corona-Pandemie stiegen die Mitgliederzahlen stetig) für Sport in der Gemeinschaft eines Sportvereins. Durch unsere Eigeninitiative beim Bau und dem Betrieb von Sportstätten entlasten wir auch die Kommunen erheblich und tragen maßgeblich zur sportlichen Grundversorgung in den Regionen bei. Hauptamtliche Mitarbeiter/innen und vereinseigene Anlagen sind für uns Großvereine zugleich ein erhöhtes Risiko. Das zeigt sich auch und gerade jetzt in der Corona-Pan[1]demie. Noch problematischer als die Lockdown-Phasen (hier können Einnahmeaus[1]fälle z.B. durch Kurzarbeit teilweise kompensiert werden) sind für die Großvereine -zumindest aus finanzieller Sicht- die Zeit nach der Wiedereröffnung. Die Kosten für den Sportbetrieb (Anlage und Mitarbeiter/innen) sind dann meist höher als vor Corona (Hygieneauflagen etc.), die Einnahmen durch die Mitgliederverluste und Beitragsredu[1]zierungen/-freistellungen sowie geringeren Kurseinnahmen zugleich deutlich geringer

Kosten meist höher als vor Corona

Hauptamtliche Mitarbeiter/innen und vereinseigene Anlagen sind für uns Großvereine zugleich ein erhöhtes Risiko. Das zeigt sich auch und gerade jetzt in der Corona-Pandemie. Noch problematischer als die Lockdown-Phasen (hier können Einnahmeausfälle z.B. durch Kurzarbeit teilweise kompensiert werden) sind für die Großvereine -zumindest aus finanzieller Sicht- die Zeit nach der Wiedereröffnung. Die Kosten für den Sportbetrieb (Anlage und Mitarbeiter/innen) sind dann meist höher als vor Corona (Hygieneauflagen etc.), die Einnahmen durch die Mitgliederverluste und Beitragsreduzierungen/-freistellungen sowie geringeren Kurseinnahmen zugleich deutlich geringer. Unabhängig von der Corona-Krise fühlen sich viele Großsportvereine auch als Opfer ihres eigenen Erfolges. Durch ihre Größe und Professionalität verfestigt sich nicht selten bei Politik und Verwaltung der Eindruck, dass der Großsportverein schon stark genug sei, um aufkommende Herausforderungen selbst zu lösen. Die Chance, Großvereine als starker Partner vor Ort zu nutzen, wird nicht selten vertan. Dabei wird auch aus finanzieller Sicht häufig übersehen, dass jede öffentliche Förderung weitere Investitionen aus eigenen Mitteln des Großvereins auslöst und damit der Hebel der Sportförderung deutlich größer ist, als bei kommunalen Investitionen, die nur aus staatlichen Mitteln finanziert werden.

Mitgliederverlust von ca. 10,5 %

Die Großportvereine sind in der Pandemie besonders vom Mitgliederrückgang betroffen. Allein die unterzeichnenden Vereine haben einen Mitgliederverlust von ca. 10,5 % zu verzeichnen (im Gegensatz zum landesweiten Trend von ca. 3%). Die Großvereinen machen den Hauptanteil der Mitgliederverluste in NRW aus. Zusätzlich sind die Vereinshaushalte durch die kostenintensiven und umfangreichen Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen belastet. Die finanziellen Hilfen des Staates greifen für Großvereine im Breitensport kaum, da die meisten Vereine nicht akut von Zahlungsunfähigkeit betroffen sind. Zudem werden die Haupteinnahmen des Vereins, die Mitgliedsbeiträge, nicht als Umsatz im steuerrechtlichen Sinne gewertet und somit wird auch keine Umsatzausfallhilfe an Vereine gewährt. Unsere Vereinsstrukturen können nur mit drastischen Einsparungen bei Personal, Investitionen und Angeboten -zumindest vorläufig- gesichert werden. Diese Kraftanstrengung können wir nicht dauerhaft ohne Hilfe zur Selbsthilfe durchhalten. Leiden werden als erstes unsere Sportler und Sportlerinnen, die dann nur noch auf eine geringere Angebotsvielfalt zurückgreifen können. Vor allem unsere zahlreichen -durch die Solidargemeinschaft Sportverein – subventionierten Bereiche wie Kinder-Jugendsport, Integrations- und Inklusionsgruppen und spezielle Angebote für Senioren werden als erstes unter den notwendigen weiteren Sparmaßnahmen leiden. Die Gefahr einer Erosion der über Jahrzehnte aufgebauten Großsportvereinsstrukturen ist überall im Land greifbar. Wir fordern daher keine Almosen für den aktuellen Stillstand des Sportbetriebs, sondern 5 zielgerichtete Zuschussprogramme für innovative und nachhaltige Sportentwicklung in NRW:

Auch beim TV Lemgo hofft man, dass Sport in großen Gruppen bald wieder möglich ist, auch wenn mit dem Ende der Pandemie längst nicht alle Probleme, gerade in finanzieller Hinsicht, gelöst sind.
  1. Sonderprogramm für Investitionen in innovative Outdoorsportangebote

Wir wollen (noch) mehr Sport nach draußen bringen – auch typische Indoor-Angebote! So werden Hygieneanforderungen noch besser umgesetzt, sowohl in der aktuellen Situation wie auch in der Zukunft. Dazu zählen Investitionen in OutdoorFitnessstudios, Group Fitness Flächen, Beachanlagen für unterschiedliche Sportarten, Parkouranlagen etc. Dies würde den Vereinen helfen, die gerade in den Bereichen Mitglieder zurückgewinnen möchten, in denen die Mitgliederverluste coronabedingt besonders hoch sind. Zum anderen würden durch den allgemeinen Trend nach OutdoorSport auch ganz neue Bevölkerungsgruppen angesprochen werden, die ggf. bislang nicht den Weg in einen Sportverein gefunden haben.

  • Betriebskostenzuschuss für vereinseigene Sportanlagen in NRW

Wir wollen auch in Zukunft durch moderne, vereinseigene Sportanlagen die Sportentwicklung Vorantreiben. Eine dauerhafte Förderung von Sportvereinen über eine Förderung des Betriebes vereinseigener Anlagen kann relativ unbürokratisch und punktgenau realisiert werden. Für gedeckte und ungedeckte vereinseigene Sportanlagen sollte es pro qm einen Zuschuss an den Sportverein aus Landesmitteln geben. Zum Verfahren gibt es bereits zahlreiche Vorlagen in den Kommunen. Mit einem solchen gezielten Förderprogramm können nicht nur die Folgen einer Corona-Pandemie begegnet, sondern auch das Engagement von Großvereinen nachhaltig anerkannt und gestärkt werden. Dadurch würden zudem zusätzliche Anstrengungen der Vereine ausgelöst, „Schwellenvereine“ ggf. zu weiteren innovativen Schritten motiviert und die Bedeutung der Vereine mit vereinseigenen Anlagen in den Kommunen herausgestellt. Insgesamt würden davon zahlreiche Bürger und Bürgerinnen profitierten.

  • Zuschüsse für Neueintritte in 2021

Wir wollen unsere Mitglieder zurückgewinnen und schnellstmöglich die Bevölkerung wieder in Bewegung bringen! Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie 32 Großsportvereine | Mitgliederstand 01.01.2020: 166.644 | Mitgliederstand 01.01.2021: 147.406 Mitgliederverlust: -19.238 / -11,54 % 4 TSC EINTRACHT DORTMUND sind dafür erhebliche zusätzliche Anstrengungen erforderlich. Ein Zuschuss pro gewonnen Mitglied in 2021 würde die Sportvereine zusätzlich motivieren und die Risiken, die mit Mitgliedergewinnungsmaßnahmen und Angebotsanpassungen/- erweiterungen verbunden sind mindern.

  • Förderung für hauptberufliche Trainer/innen

Wir wollen eine starke Mitarbeiterstruktur aus Haupt- und Ehrenamt. Die Förderung der Übungsarbeit des Landes NRW, die auch in der Corona-Pandemie erfreulicher Weise aufgestockt wurde, ist eine wichtige Anerkennung der Arbeit im Sportverein. Die Bezuschussung von hauptberuflich beschäftigten Mitarbeitern/ Mitarbeiterinnen im Sportverein (bei Stützpunkten, Bünden und Verbänden sieht es bekanntlich anders aus) spielt jedoch keine Rolle im Sportland NRW. Dabei sind nicht selten gerade die hauptberuflichen Trainer/innen Innovationstreiber im Sport und zugleich ein wirtschaftliches Risiko für die Sportvereine als Arbeitgeber. Wir schlagen daher eine Förderung pro sozialversicherungspflichtige/n Trainer/ in (inkl. Auszubildende und dual Studierende vor), die sich natürlich auch an den Einsatzstunden im Verein bemessen muss.

  • Wissenschaftliche Erkenntnisse für Sport mit der Pandemie

Wir wollen langfristig planen! Dazu benötigt der Sport mehr Informationen. Niemand weiß, wie lange die Pandemie noch dauert und was die Zukunft bringt. Wir müssen jetzt Erkenntnisse sammeln, um für zukünftige Pandemien besser gerüstet zu sein. Ein gesellschaftlicher Lockdown darf nicht dauerhaft das einzige Mittel zur Bekämpfung einer solchen gesundheitlichen Herausforderung sein. Daher sollten jetzt folgende Fragen durch entsprechende Forschungsprogramme geklärt werden:

• Wie wichtig ist Sport für das Immunsystem und den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft?

• Wie reagieren Sportler*innen auf eine Corona-Erkrankung?

• Wo findet Infektionsgeschehen statt? Ist der Sport ein Infektionsherd? Welche Maßnahmen helfen? Mit o.g. Vorschlägen können die akuten und die dauerhaften Herausforderungen der Großportvereine begegnet werden:

• Starker Mitgliederverlust in der Pandemie

• Hohe Aufwendungen für die Neugewinnung / Zurückgewinnung von Mitgliedern • Risiken bei der Beschäftigung von hauptamtlichen Mitarbeitern/innen und dem Betrieb vereinseigener Anlagen

Wir sind der starke Partner für den Sport – und wollen es auch bleiben! Dafür benötigen wir die Unterstützung der Politik!

Statement vom TV-Vorsitzenden Herbert Fischer:

Herbert Fischer, 1. Vorsitzender des TV Lemgo.

Die aktuelle Situation ist für sämtliche Sportvereine schwierig und herausfordernd. Für Vereine mit eigenen Sportanlagen und Arbeitgeber-Verantwortung sind die existenzbedrohenden Folgen jedoch deutlich größer. Der TV Lemgo ermöglicht vereinsgebundene Sportangebote, die ohne die größtenteils selbstfinanzierte Infrastruktur (TV-Halle, Vereinssportzentrum sowie hauptamtliche Trainer*innen und weitere Mitarbeitende) nicht realisierbar wären. Damit trägt er als gemeinnütziger Sportverein zur allgemeinen Daseinsvorsorge in Lemgo und Umgebung bei. Neben vielfältigen Angeboten für die ca. 3.000 Mitglieder kann der TV Lemgo mit zahlreichen Programmen und Kooperation, z.B. „Heidelberger Ballschule an Grundschulen“, „Pilotverein Integration“, „Partnerverein Bewegungskindergärten“, „Sportplatz Kommune“ oder „Bewegte Alten- und Pflegeeinrichtungen“ als kompetenter Partner von vielen gesellschaftlichen Bereichen auch außerhalb des „klassischen“ Vereinssports zur Lebensqualität in der Alten Hansestadt beitragen. Voraussetzung hierfür ist u.a. eine solide Finanzierung aus Eigenmitteln. Dieses Fundament bricht aktuell zusehend weg und bedroht die Fortführung der genannten Projekte, Angebote und der hierfür vorhandenen vereinseigenen Infrastruktur existenziell. Vorhandene Förderprogramme sind im Wesentlichen auf kommerzielle Wirtschaftsbetriebe zugeschnitten und sind für gemeinnützige Sportvereine wenig hilfreich. „Mit dem Positionspapier möchte sich der TV Lemgo auch, gemeinsam mit den anderen Großvereinen, in die politische Debatte einbringen und gerne an konstruktiven Lösungen für eine dauerhafte Überlebensstrategie des breit gefächerten Vereinssports in NRW und vor Ort mitarbeiten“, so Fischer weiter, der sich gleichzeitig bei allen treuen Vereinsmitgliedern für die gezeigte Solidarität bedankt.