Interview mit TBV-Akteur Jonathan Carlsbogård

„Unfassbar cool, aber am Ende ein bisschen traurig.“

Lemgo. In unserem Interview für die TBV-Website im September 2020 haben wir Jonathan Carlsbogård noch gefragt, ob die Nationalmannschaft für ihn aufgrund seiner starken Leistungen in der Saison 19/20 ein Thema werden könnte. Anzahl der Länderspiele zu diesem Zeitpunkt: Null. Vier Monate später steht er mit Schweden im WM-Finale, spielt ein starkes Turnier und das, obwohl er zuvor im November 2020 nur ein einziges Länderspiel bestritten hat, bei dem er sich leider auch noch einen Bruch der Wurfhand zuzog. Die Verletzung und die anschließende Operation machten es einige Zeit fraglich, ob ein Einsatz bei der Weltmeisterschaft möglich sein würde. Am 27. Dezember gab er im Bundesligaspiel gegen die Füchse Berlin jedoch sein Comeback. Was danach folgte, war ein Märchen, doch leider ohne Happy End. Wir haben bei Jonathan Carlsbogård nachgefragt, wie er die WM und die letzten Wochen erlebt hat.

Gibt für seinen Klub und sein Land immer alles: Jonathan Carlsbogård.

Jonathan, ihr hattet keine einfache Vorbereitung auf die WM, weil die EM-Quali-Spiele gegen Montenegro wegen eines Coronafalls in euren Reihen kurzfristig ausfielen. Wie war das für euch?

Ja, das war wirklich nicht schön. Wir hatten nur zweimal als Mannschaft zusammen trainiert, als der positive Test von Anton Lindskog kam. In den nächsten Tagen durften wir nur mit unseren Zimmerkollegen trainieren, gar nicht mehr mit der ganzen Mannschaft, haben jeweils immer nur zu zweit Lauf- oder Krafteinheiten absolviert oder waren am Nachmittag mit einem Torwart in der Halle. Das war wirklich keine optimale Vorbereitung auf eine WM und wir wussten nicht, wo wir stehen, als wir nach Ägypten geflogen sind.

Trotzdem habt ihr eine sehr starke WM gespielt, wart bis zum Finale ungeschlagen. Woran liegt das?

Ich glaube, alle schwedischen Spieler haben das System perfekt verstanden, sowohl im Angriff als auch in der Abwehr. Alle haben wirklich alles gegeben, ganz egal, ob sie 40 Minuten gespielt haben oder nur zehn. Jeder Einzelne hat auch seine Rolle innerhalb der Mannschaft perfekt verstanden und ausgeübt. Eine starke Teamleistung, an der auch der neue Trainer Glenn Solberg sicher einen großen Anteil hat? Ja, aber nicht nur er, das ganze Trainerteam auch mit Martin Boquist als Co-Trainer. Sie haben sehr gut zusammengearbeitet. Und Glenn hat uns Spielern großes Vertrauen geschenkt, besonders Torwart Andreas Palicka, Jim Gottfridsson für den Angriff und Max Darj für die Abwehr.

Dafür, dass ihr so ein junges Team seid, habt ihr sehr abgeklärt, geduldig und diszipliniert gespielt.

Ja, das stimmt, das war unser Plan. Nur leider hat es im Finale gegen Dänemark dann nicht ganz gereicht.

Wart ihr sehr nervös oder woran lag das?

Nein, das glaube ich nicht, Dänemark war einfach gut vorbereitet und bei uns waren ein paar Spieler nicht so gut wie in den anderen acht Spielen vorher. Ich selbst war mit meiner Leistung im Finale auch nicht zufrieden.

Ihr wart nach der knappen Niederlage zunächst natürlich sehr enttäuscht. Wann konntest du dich über die Silbermedaille freuen?

Das hat schon ein paar Tage gedauert, die ersten Tage waren wirklich schwer. Aber jetzt freue mich über das, was wir erreicht haben. Und wir waren ja gar nicht weit weg, obwohl wir nicht so gut waren wie in den Spielen vorher. Am Ende waren es nur zwei Tore. Und sicherlich sind das auch Erfahrungen, aus denen wir lernen und viel für die Zukunft mitnehmen.

Die Anzahl deiner Instagram-Follower ist erheblich gewachsen und bestimmt hattest du auch viele Anfragen von Leuten, die dein Trikot haben wollten, oder?

Ja, das stimmt (lacht), das wollten einige Leute haben, schon in Ägypten. Wobei ich übrigens sagen muss, dass alle Leute in Ägypten sehr, sehr freundlich waren. Nur Autofahren würde ich in Kairo niemals, wir waren sehr froh, dass wir so einen guten Busfahrer hatten, der uns überall sicher hingebracht hat. Und die Trikots brauchen wir übrigens noch für die Olympia-Qualifikation.

In wenigen Wochen steht die Olympia-Qualifikation an, das Turnier in Berlin mit Schweden, Deutschland, Slowenien und Algerien (12. bis 14. März 2021, Modus Jeder-gegen-Jeden). Bist du dabei?

Das weiß ich noch nicht. Ich würde niemals davon ausgehen, automatisch wieder nominiert zu werden. Natürlich hoffe ich, dass ich dann im Team bin, aber meine Einstellung ist, dass man immer hart arbeiten und sich seinen Platz in der Mannschaft verdienen muss. Das gilt für die schwedische Nationalmannschaft genau wie für den TBV. Man darf niemals zufrieden sein.

Dass das erste Ligaspiel gegen den Bergischen HC verschoben werden konnte, war sicher gut, oder?

Ja, das war wirklich gut. So ein großes Turnier ist schon anstrengend für den Körper, aber auch für den Kopf. Schade aber, dass das Spiel gegen Kiel nicht stattfinden konnte.