Weserrenaissance-Museum präsentiert neue Forschungsergebnisse

Freuen sich über die neuen Forschungsergebnisse über Graf Simon VI. als fürstlicher Unternehmer (v. links): Dr. Michael Bischoff (Weserrenaissance-Museum Schloss Brake), Jörg Düning-Gast (Verbandsvorsteher des Landesverbandes Lippe), Georg Heil (Historiker), Silvia Herrmann (Weserrenaissance-Museum Schloss Brake), Dr. Heiner Borggrefe (Weserrenaissance-Museum Schloss Brake).

Lemgo. Hochöfen, Eisen- und Stahlhammerwerke, Eisen- und Kohlebergwerke in Lippe? Lippische Bergwerke im Erzgebirge und im Sauerland? Modernste Salzwerke vor den Toren Salzuflens? Eine renaissancezeitliche Glashütte? All das hat existiert und geht auf den Willen einer Person zurück, Graf Simon VI. zur Lippe (1554–1613).
Das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake bemüht sich seit Langem, die außergewöhnliche Person und das Wirken dieses Renaissanceherrschers einem breiten Publikum nahezubringen. So ist Simon VI. mittlerweile bekannt als eine Person von europäischem Rang und als bedeutender Landesherr, als Diplomat, Politiker, kaiserlicher Kunstagent, Bauherr und an Wissenschaften und Künsten interessierter Renaissancemensch (Abb. 1). Die jüngste Publikation des Museums fügt diesem Bild eine bedeutende, bisher kaum beachtete Facette hinzu, indem sie erstmals den homo oeconomicus ins Blickfeld nimmt. Die Monographie „Simon VI. als fürstlicher Unternehmer“ stellt auf 239 Seiten eine ungewöhnliche geschichtliche Erscheinung vor, den fürstlichen Unternehmer, den es so nur in der Renaissance gegeben hat. Obwohl er ein adeliger Landesherr war, handelt Simon VI. mit Salz wie ein bürgerlicher Kaufmann, betreibt Berg- und Hüttenwerke, lässt Salz sieden und Glas blasen. Kein Geschäftsdetail ist ihm zu nichtig, um sich ihm nicht persönlich zuzuwenden.

Simons VI. war Technologiebegeistert

Geldorp Gortzius: Graf Simon VI. zur Lippe, Öl auf Holz, 1601 (Lemgo, Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Inv. S 13/13)

Zu den Orten und Landschaften, die von den Unternehmungen Simons VI. berührt wurden, gehören in Lippe der Teutoburger Wald bei Berlebeck (Eisenbergwerke); Oerlinghausen und Heesten (Kohlebergwerke); Rischenau, Wörderfeld, Falkenhagen und Elbrinxen (Eisengruben); Elbrinxen, Berlebeck und Schieder (Hochöfen, Poch-, Eisen- und Stahlhammerwerke, Eisengusswerke); Salzuflen und Loose (Salzwerke); Salzuflen-Wüsten (Brennholzgewinnung); Berlebeck (Glashütte). Außerhalb Lippes ließ Simon VI. Bergwerke im Freiberger Revier und bei Annaberg im Kurfürstentum Sachsen und im Kurkölnischen Sauerland bei Bestwig-Andreasberg und bei Winterberg-Grönebach betreiben. Sein Salzufler Salz ist von Fuhrleuten bis Frankfurt am Main transportiert und dort gegen Wein eingetauscht worden.
Simons VI. unternehmerisches Handeln ist auffällig wegen seines häufigen Bemühens, Innovationen einzuführen. Er beließ es nicht bei der Anwendung bewährter Technologien, sondern benutzte sein politisches Netzwerk, etwa zum Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, um neueste Technologien beim Salzsieden und der Glasproduktion in die Grafschaft Lippe zu importieren. Die seinerzeit fortschrittlichste Salinentechnologie realisierte Simon VI. mit Unterstützung des lippischen Adeligen Gabriell von Donop aus Wöbbel, der in braunschweig-lüneburgischen Diensten erfolgreich die Saline in Sülze (heute Stadt Bergen) modernisiert hatte. Mittels Know-how hessischer Salzsieder errichtete er in Salzuflen auf dem Salzhof ein modernes Salzwerk. Damit stieß er jedoch auf den Widerstand beinahe ganz Salzuflens, was Simon VI. motivierte, vor den Toren der Stadt auf der Loose zwei neue Salzwerke zu gründen. Weitergehende, ehrgeizige Pläne, gemeinsam mit den Salzuflern eine moderne Saline auf dem Salzhof zu betreiben, verhinderten Streitigkeiten mit dem Stadtrat und den Salzverwandten. Das für die moderne, Brennholz sparende Siedetechnologie benötigte portugiesische Seesalz ließ Simon VI. auf dem Wasserweg über Bremen und die Weser anliefern.
Den lippischen Eisenbergbau und die Eisenverhüttung, ebenfalls ein typisches Beispiel frühneuzeitlichen Technologietransfers, entwickelte und betrieb Simon VI. mit Unterstützung des Kölner Kurfürsten Ernst von Bayern und Fachleuten aus Sauerländer und Harzer Montanregionen. Das Resultat waren moderne, wasserkraftbetriebene Hochöfen und Hammerwerke. Von hochqualifizierten Formern aus Marsberg geführte Gusswerke produzierten u.a. Ofenplatten und Kanonenkugeln, ja man versuchte sich sogar im Geschützguss.
Die erste neuzeitliche lippische Glashütte, bei Berlebeck gelegen, geht zwar auf den Lemgoer Goldschmied Hans Ist zurück, aber Simon VI. hat nach wenigen Betriebsmonaten diese übernommen. Unmittelbar darauf hat er mit hessischen Glasmachern aus Großalmerode, dem führenden hessischen Zentrum der Glasbläserei, die Glashütte modernisieren und vergrößern lassen. Hier und da finden sich in Lippe noch Spuren seiner ökonomischen Aktivitäten, besonders beeindruckend, wie Fotos im Buch zeigen, Spuren des Bergbaus bei Wörderfeld, Heesten und auf der Gauseköte.
Die Publikation beruht auf einer weitestgehend erstmaligen, umfangreichen Bearbeitung lippischer und außerlippischer Quellen und bietet dem Leser zur lippischen Regional- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch allgemein zur Montan-, Salinen- und Glasmachergeschichte viel Neues, Interessantes, Überraschendes und bisher kaum Beachtetes. Auch für den an Wirtschaftsgeschichte weniger interessierten Leser hält sie viel Lesenswertes bereit.